Die Aufarbeitung von Gerüchten

Unzählige Gerüchte, die den Wiener Untergrund betreffen, zirkulieren in der Gesellschaft. Hier soll es sechs Stockwerke nach unten gehen, dort soll es Jahrhunderte alte abgemauerte Hallen und Räume geben, und hier muss ein Gang sein, der so breit ist, dass man mit einem LKW wenden kann. Doch was ist dran an diesen Aussagen? Meistens nicht viel. Dennoch halten sich die Gerüchte hartnäckig und werden, sobald man länger nichts von ihnen gehört hat, durch neue “Erinnerungen” oder “Fakten” aufgefrischt, sodass das Feuer im Herzen des Forschers, der sich mit diesen Dingen beschäftigt, aufs Neue auflodert und er sich daran macht, diesen Erzählungen ihr Geheimnis zu entreißen.

Eines dieser Gerüchte klingt so: “Es gibt einen Kutschengang von der Hofburg nach Schönbrunn. Da ist der Kaiser unterirdisch gefahren, wenn’s geregnet hat oder er nicht gesehen werden wollte.” Nun, wir bekamen einen Tipp, wo noch ein letzter Rest dieses Ganges zu erkennen sein sollte und machten uns auf, diesen Ort zu erkunden. Die Spannung war groß, denn wann hatte man schon die Gelegenheit, gerade diesem, wahrscheinlich dem bekanntesten, Wiener Untergrundgerücht auf die Spur zu kommen.

Die zuständige Hausverwaltung war sehr entgegenkommend, sodass wir schon nach kurzer Zeit das Tor zur Zerstäubung des Gerüchts öffnen konnten. Der obligatorische Spinnfadenvorhang hinter der Tür wurde unelegant durchschritten. Dahinter lag ein zweigeteilter Kellerraum. Der Boden war duch verhärtete eingeschwemmte Erde erhöht, an manchen Stellen hatte von der Decke tropfendes Wasser tiefe Löcher in sie geschlagen. Stufen führten etwa einen halben Meter Höhenunterschied vom Eingang hinab. Links erkannten wir die erste Vermauerung. Ein gekrümmter Gang war durch eine Öffnung dieser Abmauerung erkennbar, der zurück zum Haus führte. In gerader Verlängerung vom Eingang herab befand sich die nächste Vermauerung eines anscheinend weiterführenden Ganges, die einen relativ frischen Eindruck machte. Sie schien noch keine zehn Jahre alt zu sein. Und so ging es weiter durch beide Teile des Raumes, keine Spur von einem Kutschengang, kein altes Pferdegeschirr, keine kaiserliche Kutsche, nicht mal ein Hufeisen. Dennoch hatte der hintere Teil des Raumes ein paar Funde für uns parat, die man auf den Bildern bestaunen darf.

Da die erwähnte neu wirkende Vermauerung einen gewissen Reiz auf uns ausübte, fragten wir bei der Hausverwaltung nach, ob wir sie öffnen dürften, um dem Verdacht nachzugehen, dass der Gang dort noch weiter führt. Auch dafür bekamen wir grünes Licht und so geschah es. Der Akkubohrer wurde angesetzt und ein Ziegel entfernt. Dahinter kam, was kommen musste: Der Gang war verschüttet. Klebriges Erdreich versperrte die weitere Sicht in der anzunehmenden Verlaufsrichtung des Ganges. Doch ein Blick zur Seite lieferte den Beweis, dass der Gang sich einst tatsächlich fortgesetzt hatte, denn dort waren noch die Ziegel erkennbar. Anscheinend war der Gang irgendwann eingestürzt und an dieser Stelle vermauert worden.

Gibt es ihn also doch, den Kutschengang, von dem man sich nur hinter vorgehaltener Hand erzählt, denn man möchte ja keine Gerüchte in die Welt setzen? Nun, wir werden sehen, die Forschungen werden fortgeführt.