Unsere Passion

Der Untergrund ist eine eigene Welt. Zum größten Teil ist es eine verlassene und gar nicht so selten auch eine vergessene Welt. Wo in früheren Zeiten Kohlen, Eis und Bier gelagert wurden, gähnen heute riesenhafte Hallen, die ihren angedachten Sinn verloren haben und leere Keller, für die man keine Verwendung mehr findet. Hier quietschen Ratten vergnügt bei ihrem hurtigen Lauf durch alte Abflussrohre und spinnen Spinnen ihr letztes Netz, ehe sie verhungert, von weißem Schimmel umhüllt, an ihrem letzten Faden hängen. Kein Wunder, kaum ein Insekt fliegt hier unten durch die Luft.

Der Untergrund ist vielfältig. Vom Erdstall, der sich tief unter der Erde verzweigt, dem geheimnisvollen Stahlgang, der sich unter einem Park dahinschlängelt, dem Apothekenkeller, wo uralte Gläser und Flaschen lagern, über unterirdische Fabriken des Dritten Reichs bis hin zu vergessenen Anstalten des öffentlichen Lebens aus dem 19. Jahrhundert harrt noch immer so mancher verborgener Ort seiner Entdeckung.

Ein geheimnisvolles Kreuz an einer Tür lässt uns spekulieren, wohin der Gang dahinter wohl führen würde, doch nach einigen Metern steht fest, es ist eine Sackgasse. Wo mag der enge Tunnel einst geendet haben, bevor unbekannte Baumeister ihm ein solch unerwartetes Ende bescherten?
An einem anderen Ort liegt ein durchgerostetes Gitter in einer dunklen Nische. Richtet man den Strahl der Taschenlampe darauf, so erkennt man durch den verwirrenden Schatten in der Tiefe das darunterliegende Stockwerk. Gerüchte sprechen von vier, von fünf, von sechs Geschoßen, die der Keller hier in die Tiefe reichen soll, doch sucht man nach den Abgängen, so stößt man auf massiv vermauerte Stellen in der Wand.

Römisches Baumaterial mischt sich mit mittelalterlichem, wenn man doch einmal einen wirklich tiefen Keller findet. Die Reste der römischen Besiedelung haben hier in Form großer Steinquader bis in die Gegenwart Bestand. Aus den Wänden ragen spitze, scharfkantige Eisenstangen, Rohrhalterungen, Reste abgerosteter Gitterstäbe, die bizarre Muster an die Wand werfen, wenn das Licht der Lampen sie streift. Jahrzehntelange Finsternis wird nur für die Dauer weniger Atemzüge unterbrochen, bevor sie den Ort erneut verhüllt.

Die Kellertüre eines alten Lastenaufzugs lässt sich nur mit viel Kraft bewegen. Die Scharniere stecken fest und wurden schon lange nicht geölt. In seinem Inneren liegen alte Ofentüren, Medikamentenpackungen längst vergangener Tage und Reste von Zeitungen, die von den 1920er Jahren bis in die 80er und 90er datieren.

Viele der alten Gemäuer tief unter der Erde tragen Inschriften, manche glasklar zu lesen, andere wiederum rätselhaft, kaum entzifferbar. Sie künden von den traurigen Zwangsarbeitern, die hier vor knapp 70 Jahren schuften mussten, um die Bauwerke zu errichten, die der Verlauf des Zweiten Weltkriegs erst notwendig gemacht hatte. Kriegswichtige Fabriken mussten unter Tage verlagert werden, ebenso mussten unterirdische Luftschutzanlagen gebaut werden, für die Zivilbevölkerung und für Bedienstete großer Betriebe. Italienische Militärinternierte sehnten sich nach Rom, russische Kriegsgefangene nach der Krim. Ihre Sehnsucht und Hoffnung manifestiert sich schwach als eingeritzte Botschaft im Beton, der mittlerweile in Stille und Vergessenheit versank, tief unter der Erdoberfläche.

In der Kellerhalle einer ehemaligen Brauerei finden wir einen Durchbruch, abgemauert. Die Legende spricht von kilometerlangen Gängen, die sich ab hier quer durch die ganze Stadt ziehen sollen. So groß sollen sie sein, dass man sie gar mit Fuhrwerken oder Autos und Lastwagen befahren könne. Die unterirdische Stadt regt die Phantasie an – wohl deshalb, weil sie in ihrer geheimnisvollen Art, so lautlos und finster, die Menschen ängstigt und sie Mythen erfinden und Geschichten verstärken, die durch hundertmaliges Erzählen immer ausgefranstere Enden bekamen. In Archiven und Bibliotheken suchen wir nach Informationen, um Wahrheit von Dichtung zu trennen und um zukünftige Forschungen auf eine planmäßige Unterlage zu stellen.

Große Teile des Untergrundes sind nur noch schwer oder gar nicht mehr zugänglich. Sie wurden verschüttet, weggerissen oder abgemauert. Wendeltreppen winden sich beladen mit Ziegelschutt und Erde hinab in die Tiefe, bis man an einen Punkt gelangt, an dem man nicht mehr weiterkommt, ohne sich in mühevoller Arbeit weiter hinunter zu schaufeln.

So manches Mal wird die Geduld der Forscher auf eine harte Probe gestellt. Eine Abmauerung wird mit Zustimmung des Hausbesitzers geöffnet. Erwartungsvoll konzentrieren sich die Blicke derer, die sich um den stemmenden Kollegen geschart haben, auf den Punkt, an dem der Meißel sich langsam seinen Weg durch die Ziegelwand bahnt. Was erwartet uns? Ein verschütteter Raum? Ein Gang, der alle Legenden in den Schatten stellt, höher, breiter und länger als die Phantasie zu erdenken imstande ist? Das Loch wird größer, ein halber Ziegel wurde schon entfernt. Der Arbeitslärm hallt durch den Kellerstollen, Schweiß tropft in den Staub, Zähne werden zusammengebissen, Akkus gewechselt – mehrmals. Die Spannung steigt ins Unerträgliche.

Und so stoßen wir Forscher des Untergrundes stets aufs Neue in Gefilde vor, die schon lange niemand mehr betreten hat, entdecken kleine Zeugen der Vergangenheit, vergraben im feinen Staub der Jahrzehnte und Jahrhunderte und lassen uns an jedem Ort von verschiedensten Menschen die Geschichten erzählen, die schon ihre Großmütter Ihnen erzählten.

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